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DIE HEILSAME KRAFT KORRIGIERNDER ERFAHRUNGEN

vor 6 Tagen
14 Min. Lesezeit

Liebe ♥️-Community


Im letzten Blog habe ich angekündigt, dass ich am Blog-Konzept arbeiten und bis Ende Oktober die Resultate kommunizieren würde.  Nun, manchmal geht es auch schneller…😉… ab heute kannst Du 1-2 x monatlich einen Blog-Beitrag lesen, der sich von der aktuellen Ausbildung «NI Neurosystemische Integration» mit Verena König (https://www.verenakoenig.de/akademie/ni-ausbildung/) inspiriert um ein im jeweiligen Kursblock präsentes Thema dreht. Heute ist es «die heilsame Kraft korrigierender Erfahrungen». Dieses Thema wurde bisher zwar noch nicht in der Tiefe behandelt – wie alle kommenden Themen geht es in Block 1 zuerst mal darum, eine Übersicht zu gewinnen was eigentlich NI bedeutet, aus welchen Methoden sie besteht, und wie wir immer tiefer darin eintauchen.


De facto ist mir das Thema durch die Arbeit mit meinen Klientinnen während der letzten Begleiteten Auszeiten (s. weiter unten) über den Weg gelaufen, und Verena hat praktischerweise schon früher einen Podcast dazu gemacht. Der folgende theoretische Input basiert also auf diesem Beitrag, den Du gerne selber nachhören kannst:



INPUT: WIE LERNE ICH LEBENSFREUDE UND/ODER URVERTRAUEN, WENN ICH ES NIE GEFÜHLT HABE?



Das ist eine Frage, die bestimmt auch viele andere Menschen berührt, weil sie so in die Tiefe geht. Wenn wir erwachsen und reflektiert sind und uns dann fragen müssen, wie kann ich denn das, was so lebenswert ist und was eigentlich natürlicherweise da sein sollte, lernen, wenn ich es noch nie gelernt oder nie gefühlt habe?


Die belastete Vergangenheit

Das deutet natürlich auf eine sehr belastete Vergangenheit hin, und deswegen möchte ich zunächst einmal der Fragenden und allen, die sich dieser Frage anschließen können, ganz viel Mitgefühl aussprechen, Wohlwollen rüberschicken und auch Zuversicht und Mut zusprechen, denn es ist ein gutes Zeichen, dass man sich überhaupt diese Frage stellt und dass man sich überhaupt auf einem Weg befindet, der einer Suche nach diesen ursprünglichen und wunderbaren Lebensgefühle nachkommt.


Der unversehrte Anteil in uns

Vorweg möchte ich sagen, dass ich davon überzeugt bin, dass wir alle – egal was uns geschehen ist – in der Lage dazu sind, diese ursprünglichen, ganz natürlichen intrinsischen Wahrnehmungen wieder zu entdecken oder neu zu entdecken. Diese Sichtweise setze ich aus verschiedenen Blickwinkeln zusammen. Zum einen habe ich ein Menschenbild (Bemerkung MM: auch mein Menschenbild), das davon ausgeht, dass es in jedem von uns etwas Unversehrtes gibt, auch wenn vieles in uns versehrt wurde. Das ist natürlich ein Menschenbild, was man mit einer Art Glaubenssystem gleichsetzen könnte, also keine wissenschaftliche Basis, sondern das ist eine Sichtweise, eine Haltung, die nicht alle Menschen teilen und die aus meiner Erfahrung jedoch den Menschen, die sie teilen können, sehr helfen kann. Ich gehe also davon aus, dass in jedem von uns etwas Unversehrtes ist, das uns auch darin unterstützt, solche Fragen zu stellen und uns auf einen Weg zu begeben. Ich glaube, wir streben zu etwas Natürlichem zurück, was in uns schon vorhanden ist, und dass es darum geht, das zu entdecken, zu entfalten und unserem Unversehrten dadurch wieder näherzukommen.


Diese Sichtweise kann man hervorragend mit der Anteile-Arbeit kombinieren, denn wir können mit dieser Sichtweise davon ausgehen, dass es eben auch Anteile in uns gibt, die vielleicht schon – oder noch – wissen, wie sich Lebensfreude anfühlt. Und mit diesen inneren Anteilen in Kontakt zu treten, kann eine Tür öffnen zu der Fähigkeit, diese schönen Gefühle wahrzunehmen und die Potenziale für diese schönen Empfindungen zu entfalten.


Neurozeption: Die Suche nach Gefahr UND Sicherheit



Die andere Sichtweise, die ich hier gerne in meine Antwort einfließen lassen möchte, ist die der Polyvagaltheorie, also die Sichtweise, die auf unser Nervensystem schaut und versucht, das Nervensystem zu verstehen. Unser autonomes Nervensystem ist tagein, tagaus und in jeder Sekunde und Millisekunde unseres Daseins darauf ausgerichtet, uns vor Gefahren zu schützen und unser Überleben zu sichern. Verschiedene Wahrnehmungskanäle werden dafür genutzt, und das Ergebnis der Sinneseindrücke von außen und auch der Bewertungen von innen, die auch automatisch ablaufen, führen dann zu der Empfindung, ob eine Situation sicher ist oder eben nicht. Diesen Vorgang nennt man in der Polyvagaltheorie Neurozeption.


Unser autonomes Nervensystem ist aber nicht nur auf der Suche nach Bedrohung oder Gefahr, sondern auch auf der Suche nach Sicherheit, und die Suche nach Sicherheit richtet sich in allererster Linie immer an die Mitmenschen, an das, was einen umgibt und woran man sich orientieren könnte, um Sicherheit zu finden. Das ist das Prinzip der Co-Regulation.


Das heißt, unser Nervensystem ist nicht nur voreingestellt auf die Suche von Gefahr und Bedrohung, sondern auch auf die Suche von Verbundenheit und Sicherheit in Verbundenheit. Und in diesem Spektrum liegt auch die ganze Fähigkeit zum Empfinden von Lebensfreude, Vertrauen, Entspannung und all diesen schönen Gefühlen. Das bedeutet also – aus dieser Sichtweise betrachtet -, dass unser autonomes Nervensystem in sich die Fähigkeit birgt, auch Verbundenheit und Lebendigkeit immerzu anzusteuern und zu suchen.


Die kleinen Glücksmomente: Orientierung für das Nervensystem



Und deswegen bin ich auch davon überzeugt, dass jemand, der behauptet, ich habe nie Lebensfreude gefühlt oder ich habe nie Urvertrauen gefühlt, vielleicht doch irgendwann im Leben – vielleicht in einem ganz kleinen Moment – so etwas gefühlt hat wie Lebensfreude, vielleicht in dem Moment, als man ein flauschiges Tier streicheln durfte, vielleicht in dem Moment, als man jemanden wiedergetroffen hat, der einem irgendwann einmal gutgetan hat, vielleicht in dem Moment, wo jemand einem ein Geschenk macht und man das Gefühl hat, in diesem Augenblick wohlwollend wahrgenommen zu sein, vielleicht in dem Moment, als die Füße den warmen Sand berührten.


Es gibt vermutlich in jedem von uns – auch in denen, die in sich die Überzeugung tragen, dass sie Lebensfreude nicht kennen – kleine, kleine Momente der Lebensfreude, kleine Lichtstreifen am Horizont, kleine glückselige Momente der „Gnade“, wo es dann doch einmal passiert ist. Und das spreche ich hier an, um ins Bewusstsein zu rufen, dass es doch vielleicht etwas gibt, wohin unser Nervensystem sich orientieren kann. Und das wäre jetzt also auch der Weg zu einer konkreten Antwort auf diese Frage, wie lerne ich Lebensfreude und / oder Urvertrauen, wenn ich sie nie gelernt und gefühlt habe?


Zum einen kann es sehr hilfreich sein, davon auszugehen, dass man es vielleicht schon „kann“, um ein wenig die Schwelle abzubauen. Und dann kann es hilfreich sein, sich zu erinnern, wirklich auf die Suche zu gehen, wo gab es kleine Momente in meinem Leben, in denen ich – wenn auch nur für eine Sekunde – gespürt habe, das Leben kann schön sein, dieser kleine Augenblick hat etwas Schönes, in genau diesem Augenblick bin ich da. Nach Erinnerungen zu tauchen, kann also hilfreich sein, um sich wieder zu verbinden mit einem Empfinden, was schon einmal erlebt wurde.


DIE KORRIGIERENDE ERFAHRUNG



Und dann kann es sehr relevant sein, dass wir Erfahrungen schaffen, in denen wir die Möglichkeit haben, diese Gefühle zu finden. Und darauf möchte ich nun auch ein wenig genauer eingehen, weil mir das sehr wichtig scheint. Wir sprechen in der Fachsprache von sogenannten korrigierenden Erfahrungen. Korrigierende Erfahrungen sind dazu da, dass wir etwas, was uns früher gefehlt hat und was wir in einer Art und Weise erlebt haben, dass es uns geschadet hat, nun in einer Art und Weise neu erleben können, in der es uns guttut und uns nährt. Wenn wir beispielsweise erlebt haben, dass wir mit unseren Gefühlen und unserem Gefühlsausdruck nicht willkommen waren, dann könnte eine korrigierende Erfahrung die sein, in einem geschützten und sicheren Rahmen Gefühle auszudrücken und damit willkommen zu sein und das auch zu spüren und zu verinnerlichen. Korrigierende Erfahrungen sind sehr wichtig auf einem Traumaheilungs- oder Integrationsweg. Und sie sollten nicht unterschätzt werden als ein elementarer und wesentlicher Bestandteil von Integration. Sie sind so wichtig, weil sie uns die Möglichkeit geben, etwas anders zu empfinden und von den Verknüpfungen mit der traumatischen Vergangenheit zu entkoppeln.



VORAUSSETZUNGEN FÜR KORRIGIERENDE ERFAHRUNGEN


1) Einfach tun «was Spass macht» reicht nicht

Eine korrigierende Erfahrung braucht ein paar Voraussetzungen, damit sie wirklich korrigierend sein kann. Wenn wir jetzt also zum Beispiel mehr Lebensfreude oder überhaupt Lebensfreude lernen wollen, dann bekommen wir vielleicht den Ratschlag, dann mach doch mal, was dir Spaß macht, geh in einen Tanzkurs oder wandere oder fang an zu reiten oder was auch immer. Wenn Menschen dann solchen Ratschlägen folgen, dann erleben sie sich häufig nochmal frustrierter, weil sie zwar etwas tun, was helfen soll, aber sie spüren darin immer noch keine Lebensfreude.

Das hat Gründe, die man verstehen sollte, damit korrigierende Erfahrungen gelingen können. Allein etwas zu tun oder sein Verhalten zu ändern, kann in manchen Fällen nicht genügen. Und es kann so frustrierend sein, wenn man das nicht weiß.


2) Story follows state

Es gibt eine Grundaussage in der Polyvagaltheorie, die sehr weise ist und die für sehr viele Menschen ganz viel Klarheit geschaffen hat. Es ist die Aussage, unser Zustand formt unsere Wahrnehmung oder unsere Geschichte oder unsere Interpretation. Auf Englisch lautet der Satz: „Story follows state“ – die Geschichte, die wir uns erzählen, die Interpretationen von unserem Erleben ergeben sich aus dem Zustand unseres Nervensystems. Wenn wir gestresst sind, also unser Sympathikus sehr aktiv ist, dann nehmen wir die Welt um uns anders war, als wenn wir total entspannt sind und unser ventraler Vagus aktiv ist. (Bemerkung MM: Das kenne ich von mir selber …). In einem Zustand mit einem hohen Stressniveau funktioniert unser Nervensystem so, dass es Dinge aus diesem Zustand heraus interpretiert und den Fokus der Wahrnehmung auf gewisse Dinge legt. Es gibt Forschungsergebnisse, die zeigen, dass wir in einem hoch gestressten Zustand Gesichtsausdrücke anders interpretieren als in einem entspannten Zustand. Wir können nicht mehr so gut erkennen, ob ein Gesicht freundlich lächelt oder ob es ein hämisches Lachen ist, ob jemand sich mit uns amüsieren möchte oder über uns lachen will.


Das heißt also, unsere Interpretation von dem, was wir erleben, und auch das Empfinden unseres Erlebens ist gefärbt von dem Zustand, in dem sich unser Nervensystem befindet. Wenn wir dann also hoch gestresst in eine Situation gehen, wo wir mehr Lebensfreude erleben wollen, wird das kaum gelingen. Wir werden uns trotzdem unsicher fühlen oder trotzdem nicht sicher fühlen, wir werden uns vielleicht fremd fühlen oder einsam fühlen oder ausgeschlossen fühlen, und Lebensfreude stellt sich dann nicht ein. Wenn wir davon ausgehen, dass das Erleben einer Situation so sehr von unserem Nervensystem-Zustand abhängt, dann erklärt das natürlich auch, warum wir mit einer gewissen Prägung im Nervensystem – einer Trauma-Folge – nicht in der Lage sind, Lebensfreude zu empfinden und das Gefühl haben, wir können es gar nicht.

 

3) Frag Dich regelmässig in welchem Zustand Du gerade bist

Aus meiner Erfahrung ist mir sehr klar geworden, dass ein ganz großer Schlüssel für erste Schritte zur Veränderung darin liegt, sich bewusst zu werden, vielleicht auch mit dieser Information über unser Nervensystem immer klarer und deutlicher erkennen und wahrnehmen zu können, in welchem Zustand wir uns überhaupt befinden.


  • Wie gestresst bin ich gerade?

  • Bin ich gerade auf Schutz ausgerichtet oder bin ich gerade in der Lage, Verbundenheit zu stiften?

  • Bin ich gerade in einem Zustand, in dem ich nach Bedrohung suche oder bin ich gerade in der Lage dazu, Sicherheit auch in Verbundenheit und Lebendigkeit zu finden?


Je genauer ich weiß und erkennen, in was für einem Zustand ich mich befinde, desto besser kann ich mich selbst darin unterstützen, diesen Zustand zu beeinflussen.

Besonders wenn Zustände chronisch sind, wenn wir vielleicht in einem Überlebensmechanismus „steckengeblieben“ sind, das also unser normales Alltagserleben ist, kann es sehr hilfreich sein, sich darüber bewusst zu werden und nach und nach herauszufinden, wie wir diesem Zustand folgen, bzw. wie wir selbst diesen Zustand unbewusst immer wieder updaten.


4) Trigger: Alte Schutzreaktion vs. was IST heute

Wenn also unser Nervensystem in einem Zustand ist und wir dementsprechend interpretieren, können wir beginnen, bewusst zu reflektieren und uns zu fragen, ob das, was wir gerade interpretieren und was wir daraus vielleicht ableiten, wirklich nötig ist, so interpretiert und abgeleitet zu werden. Wenn wir beispielsweise in eine Situation kommen, in der wir Lebensfreude suchen wollten, und wir dann merken, wir sind „getriggert“ – also etwas versetzt uns in Aufruhr – und wir verlassen die Situation wieder, können wir uns im Anschluss einmal reflektierend fragen, wie habe ich die Situation interpretiert, und war meine Reaktion in dieser Situation nötig, also war es notwendig zu gehen oder wäre es möglicherweise auch eine Erfahrung gewesen zu bleiben, war meine Reaktion notwendig oder hätte es möglicherweise auch Alternativen gegeben? Anzuerkennen, dass man so reagiert hat, ist natürlich auch wichtig, denn das ist eine alte Schutzreaktion, die einstmals rettend und hilfreich war.


Im Weiteren könnten wir uns dann fragen, wenn wir eine solche Situation reflektieren, was hätte ich denn vielleicht anders machen können, um mich ein wenig zu beruhigen? Was könnte mir Sicherheit geben in einer solchen Situation? Wohin könnte ich mich orientieren? Würde es mir vielleicht helfen, mich auf meinen Atem zu konzentrieren? Würde es mir vielleicht helfen, mich auf meine Füße zu konzentrieren? Würde es mir vielleicht helfen, mir bewusst zu machen, gerade läuft eine alte Schutzstrategie oder Überlebensreaktion in mir ab, und ich beobachte das und muss dem aber nicht folgen.


5) Benennen wo ich mich gerade befinde

Also nochmal zusammengefasst: zu erkennen, wo ich mich befinde, es für mich selbst zu benennen, wo ich mich befinde, kann sehr hilfreich sein – und mich dann zu fragen, was könnte ich dem Wohltuendes entgegensetzen. Das sind scheinbar kleine, aber sehr wesentliche Schritte, um den Weg freizumachen, damit korrigierende Erfahrungen gelingen können.


Wie kann es sein, das korrigierende Erfahrungen nicht als solche erkannt werden?

Vielleicht weil sie nicht als solche empfunden werden? Es könnte sein, dass das Nervensystem nach wie vor in einem Zustand ist, der nicht die andere Grundvoraussetzung in der Erfahrung erkennt, so dass es sich für den betroffenen Menschen trotz einer eigentlich korrigierenden Erfahrung eben immer noch so anfühlt wie damals. Oder es könnte auch ein Grund sein, dass etwas im Inneren erst noch sensibilisiert werden muss für das Erkennen von korrigierenden Erfahrungen. Es kann gut sein, dass ein Mensch die eine oder andere gute korrigierende Erfahrung macht, aber etwas im Inneren sagt, vergiss es, das war nur Zufall oder pass bloß auf, das war wahrscheinlich gar nicht so gemeint oder wenn es schön war, wird es bald wieder schlimmer. Also es kann sein, dass es innere Schutzmechanismen gibt, die solche Situationen nichtig machen oder abwerten wollen, um weiteren Schmerz und Enttäuschung zu verhindern. Das könnte ein weiterer Grund sein.


Wie kann ich meinen Blick für korrigierende Erfahrungen öffnen und diese zulassen?

Vielleicht auch auf diese Art und Weise, wie ich es vorhin beschrieben habe – indem man sich zunächst einmal darüber bewusst wird, in welchem Zustand befinde ich mich generell oder situativ? Was für Zustände durchläuft mein Nervensystem, und wie erlebe ich mich darin, und was für „Geschichten“ erzähle ich mir in diesen Zuständen – also wie interpretiere ich meine Umwelt, andere Menschen, das Leben, meine Gefühle, wenn ich in dem jeweiligen Zustand bin? Ich glaube, wenn wir uns darüber bewusster werden und dann auch diese Frage stellen können, ob unsere Interpretation und unsere Reaktion wirklich hilfreich oder notwendig ist, dann öffnet sich unser Blick für korrigierende Erfahrungen, und dann steigt auch unsere Fähigkeit und unsere Bereitschaft, korrigierende Erfahrungen als solche – also „neu“ – zu erleben.


Neuroplastizität: Neue Verbindungen sind jederzeit möglich

Und ich habe hier vielleicht noch einen ganz pragmatischen Aspekt. Wenn unser Nervensystem chronisch im Stress oder in Überlebensreaktionen eingerastet ist und wir dadurch meist in Zuständen außerhalb der Verbundenheit und Lebendigkeit „funktionieren“, dann kann es sehr hilfreich sein, wenn wir bewusst und regelmäßig versuchen, die Perspektive zu wechseln.


Wenn wir uns also beispielsweise regelmäßig zu einem gewissen Zeitpunkt des Tages – zum Beispiel abends vor dem Zubettgehen – fragen:


  • Was gab es heute für Momente, die nett waren, die freundlich waren, die hell oder warm waren, die verbunden waren, die lebendig waren?

  • Wo gab es an diesem Tag kleine oder auch größere Lichtscheinmomente, so dass wir unser Nervensystem nach und nach darin schulen, auch das wahrzunehmen und diese Situationen nicht als „unwichtig“ auszusortieren, weil wir die ganze Zeit damit beschäftigt sind, nach Bedrohung Ausschau zu halten?


Auch dieses pragmatische Element hat zu tun mit einem Aspekt unseres Nervensystems – und zwar noch einem weiteren neben der der Polyvagaltheorie: Wir sind glücklicherweise gesegnet mit der Fähigkeit zur Neuroplastizität, unsere Nervenzellen sind in der Lage, sich zu jeder Zeit in unserem Leben neu zu vernetzen und neue Netzwerke zu bilden. Je mehr wir in chronischen Zuständen stecken und uns sozusagen in den Kreisläufen unserer alten Interpretationen aufhalten und diese immer wieder bestätigen, desto stärker sind die neuronalen Netzwerke, die zu diesen Interpretationen, Reaktionen und Handlungen und Gefühlen und Körperempfindungen gehören. Wir haben also starke neuronale Netzwerke, die diese Art Zustand und Weltsicht beinhalten.


DIE KORRIGIERENDE ERFAHRUNG UNTERSTÜTZT DIE NEUE VERNETZUNG UND DAS NEU-BEWERTEN EINER ALTEN (BELASTETEN) SITUATION.


Da wir aber zur Neuroplastizität fähig sind, können wir diese neuronalen Netzwerke verändern, wir können beginnen, sie zu modulieren, wir können sie ergänzen mit neuen Optionen – und genau dafür sind die korrigierenden Erfahrungen gut, und auch das bewusste Reflektieren und Neubewerten von Situationen aus der Reflexion heraus. Es gibt also sehr viele gute Gründe, zuversichtlich zu sein, dass man – auch wenn man es scheinbar nie nie gelernt und nie gefühlt hat – so etwas wie Lebensfreude und Urvertrauen lernen kann. Und es gibt gute Gründe, zuversichtlich zu sein, dass der Blick für korrigierende Erfahrungen, das Zulassen von korrigierenden Erfahrungen und auch das Erkennen von korrigierenden Erfahrungen immer leichter fallen wird.

Vielleicht möchtest du aus dieser Folge die Essenzen mitnehmen, dass unser Nervensystem nicht immer nur nach Gefahr sucht, sondern auch immer nach Möglichkeiten der Sicherheit durch Verbindung sucht, dass es in uns etwas Unversehrte gibt, das wir wieder entdecken und entfalten können, dass es Anteile in uns gibt, die vielleicht schon oder noch wissen, wie sich das anfühlt und wie wir sein können, wenn wir Lebensfreude empfinden. Und vielleicht möchtest du auch die Essenz mitnehmen, dass wir mit der Fähigkeit zur Neuroplastizität in der Lage dazu sind, uns aus chronischen Stressreaktionen und Überlebensmechanismen herauszutransformieren.



BEISPIEL 1 EINER KORRIGIERENDEN ERFAHRUNG:

48 STUNDEN INTENSIV-AUSZEIT IN LUZERN


Im folgenden Video erzählt meine liebe Klientin Kathrin Walther von ihren Erfahrungen während einer zweitägigen Auszeit bei mir zuhause in Luzern im vergangenen Sommer 2026. Ganz ♥️-lichen Dank liebe Kathrin für Deine Bereitschaft Dich hier zu zeigen!


Bemerkung: Während der Aufnahme waren Kathrin und ich permanent auf dem Bildschirm zu sehen. Warum dann auf der gespeicherten Aufnahme die Du hier siehst die Bildschirme hin und her switchen entzieht sich meiner Kenntnis…🫥



 


BEISPIEL 2 EINER KORRIGIERENDEN ERFAHRUNG: EINE WOCHE BEGLEITETE AUSZEIT AUF DER ALP


Vorletzte Woche verbrachte ich zusammen mit einer langjährigen Klientin – welche an dieser Stelle unerkannt bleiben möchte – auf einem Maiensäss im Kanton Graubünden. Die Klientin hatte keinen idealen Start ins Leben: Ihre Erziehung war extrem streng, und das schon als Kleinkind: Gefühle auszudrücken galt als «Schwäche», und es war «heilige Pflicht», für andere da zu sein. Eigene Bedürfnisse hatten wenig bis gar keinen Platz. Dies hat den Närboden geschaffen für spätere, einschneidende schocktraumatische Erlebnisse, die sich tief ins (Nerven-) System eingegraben haben. Ihre ausgesprochene Fähigkeit, in allem noch das Positive zu sehen, Ihre hohe Resilienz und fest verankerte Überlebens-Strategien haben ihr verholfen, in ihrem Gebiet beruflich sehr erfolgreich zu ein.


Die sehr engen Grenzen  - die einzig auf Sicherheit und Überleben ausgerichtet waren – gaben ihr Schutz und Halt. Irgendwann jedoch erkannte sie: Der Preis den ich dafür zahle ist (zu) hoch: Ein abgespaltener Körper (der gefälligst zu funktionieren hat), Selbstverletzungen als Gegenschmerz, keinerlei intime (sexuelle) Beziehungen, Einsamkeit. Und zementierte Glaubenssätze:


«Männer sind gefährlich» (immer)

«Männern darf man nicht vertrauen» (nie)

«Wenn ich attraktiv aussehe, bin ich in Gefahr» (immer)

«Wenn ich mich spüre, kann ich nicht funktionieren» (nie)

«Ich MUSS spüren wie es dem anderen geht und DIENEN» (immer)

«Ich MUSS die Kontrolle behalten» (immer)


Es hat für meine Klientin also sehr viel Mut gebraucht, sich auf ein Setting «Eine Woche allein mit einem (zunächst) fremden Mann eng zusammen in einer Alphütte» überhaupt einzulassen – ich kann nur den Hut ziehen und ehre sie dafür sehr!


Welche korrigierenden Erfahrungen hat sie gemacht? Sehr viele! Eine für mich als ihr Begleiter offensichtliche ist, dass sie sich und ihre Bedürfnisse inzwischen viel besser spürt und sich auch getraut, sie zu kommunizieren und entsprechend die Grenzen situativ für sie stimmig zu setzen. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit war sie komplett im «People Pleaser»-Modus und hat sich zuerst und meist ohne zu fragen Im «vorauseilenden Gehorsam» um MEINE Bedürfnisse gekümmert, was ja in diesem Setting eine vollständige Umkehrung dessen ist für was sie die Woche eigentlich gebucht hat. Im therapeutischen Sinne könnte man auch von einer «Re-Inszenierung» einer alten Schutz-Strategie sprechen.


Aus meiner männlichen Perspektive ist ebenfalls eindrücklich zu erleben, wie ihr alter Glaubenssatz «Männer sind gefährlich» beginnt sich aufzuweichen – zumindest im Kontakt mit mir. Das Vertrauen steigt, und mit steigendem Vertrauen werden plötzlich Prozesse möglich, die meine Klientin noch vor 2,3 Jahren für undenkbar hielt. Als Beispiel hat sie inzwischen viel weniger Mühe, sich für gewisse Übungen im Kontext des «De-Armouring Trauma-Release» in Unterwäsche oder gar nackt auf die Matte zu legen – früher ein absolutes No-Go für sie. So wird die Arbeit mit Trigger-Punkten, mit Meridianen, mit der Massage innerer Organe, generell mit Berührung Haut auf Haut überhaupt erst möglich. Und Ihr Nervensystem hat inzwischen auch gelernt, dass diese Arbeit nicht nur anstrengend und manchmal schmerzhaft ist, sondern auch Spass machen kann!


Hier ihre eigene Zusammenfassung der Woche:

«Eine intensive Woche, in der erwartete, auch unerwartete Themen aufgetaucht sind. Bei der Bearbeitung dieser Themen wurde ich von Markus jederzeit liebevoll gehalten und unterstützt. Danke! Um einige Erkenntnisse und Erfahrungen reicher bin ich inzwischen wieder zuhause. Jetzt gilt es, diese Erkenntnisse in den Alltag zu integrieren.»



 


Übrigens: Eine Begleitete Auszeit eignet sich nicht nur, um an Deinen Prozessen zu arbeiten und korrigierende Erfahrungen zu machen. Wenn Du findest: «jetzt gerade nicht», dann darfst Du eine solche Auszeit auch ganz simpel dazu nutzen, einfach mal Abstand von den To-dos von Zuhause zu haben, zur Ruhe zu kommen, einfach Deinen Impulsen folgen zu dürfen, das tun (oder nicht tun), worauf Du gerade Lust hast…

Apropos Lust: Vielleicht hast Du nun Lust bekommen auf DEINE Begleitete Auszeit? Infos dazu findest Du auf meiner Homepage: https://www.healing-bodywork.ch/begleitete-auszeit . Gerne beantworte ich auch Deine Fragen hierzu, am besten via Mail: kontakt@healing-bodywork.ch, oder via Chat: Threema https://threema.id/WCFB5XKF, Signal +41 79 649 24 62.


Herzdank für Dein Interesse, Dein Mit-Gehen auf meinem Weg. Und DANKE dass es Dich gibt – gemeinsam machen wir die Welt zu einem schöneren Ort!


♥️🤗

Markus

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